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„Here we go" höre ich über meinen Kopfhörer den Buschpiloten Earnie sagen und sehe ihn jetzt auch: Den Wind-River. Wie eine Schlange wirkt er von hier oben. Viel kleiner als ich ihn mir zu Hause vorgestellt habe. Earnie dreht noch eine Ehrenrunde. Ich kann es kaum erwarten bis die Maschine endlich zur Landung ansetzt. Schon über eine Stunde sind wir jetzt in der Luft, hinweg über gewaltige Berglandschaften und atemberaubende Täler. Von Mayo aus - einer kleinen Ortschaft mit Wasserflughafen, gelegen im hohen Norden Kanadas. Genauer gesagt im Yukon-Territory. Dem Land der Mitternachtssonne, der Glücksritter, der Legenden und Traditionen. Direkt an Alaska grenzend ist es der nordwestlichste Teil Kanadas, dem der insgesamt 3600 Kilometer lange Yukon-Fluß seinen Namen gab.

Earnie's WasserflugzeugDie Bücher von Jack London habe ich allesamt vor langer Zeit verschlungen. Wer kennt sie nicht, die spannenden Erzählungen und Romane um „Alaska Kid" und all` die anderen Helden. Insgeheim habe ich immer schon den Wunsch gehabt, das Land meiner Kindheitsträume einmal selber kennen zu lernen. Und jetzt bin ich bereits mitten drin, in meinem ersten eigenen Yukon-Abenteuer. Mit feuchten Händen sitze ich an dem kleinen Fenster des Wasserflugzeuges Marke „Otter" und drücke mir die Nase platt. Außen am Flugzeug, auf den Schwimmern sind unsere Kanus festgezurrt. Das übrige Gepäck ist drinnen verstaut. Endlich geschafft! Sanft landen wir auf einem kleinen See, der unmittelbar an einen schmalen Nebenbach des Wind gelegen ist. Creek nennt man das hier. Rasch ist die Ausrüstung entladen und das kleine Flugzeug auch schon am Horizont verschwunden. Wie bei uns gilt auch für die „Lufttaxen" hier drüben die Regel „Time is money" und Earnie hat noch eine Verabredung mit zwei Anglern etwa 500 Kilometer weiter südlich, die er vor gut zwei Wochen ebenfalls in die Wildnis geflogen hat. Bald verstummt auch das Dröhnen der Motoren und es wird still. Unheimlich still! In elf Tagen will uns Earnie an der Mündung zum Peel-River wieder treffen und abholen. So ist es fest vereinbart. Irgendwie ein komisches Gefühl für uns Zivilisationsmenschen. Doch genau so habe ich es mir gewünscht.

Aber der Reihe nach. Beschlossen jetzt endlich selber zu kommen habe ich während eines Fernsehberichtes anläßlich des 100-jährigen Jubiläums des größten Goldrausches aller Zeiten: Bonanza, Klondike, Dawson City! Sofort war ich wieder verzaubert. Jetzt durfte es keinen erneuten Aufschub geben! Und was liegt näher, als dieses Land in der traditionellen Form der alten Trapper und Abenteurer zu entdecken und mit dem Kanu zu erkunden. Da ich in dieser Hinsicht noch keinerlei Erfahrungen gesammelt hatte und mich nicht gerade als das betrachte, was man einen „Survival-Typ" nennt,  habe ich mich entschieden, meine Reise nicht alleine sondern in einer kleinen Gruppe zusammen und in Obhut eines erfahrenen Führers - hier „Guide" genannt -  zu machen. So eine von Profis organisierte Expedition hat neben dem guten Gefühl der Sicherheit auch den großen Vorteil, daß man bis auf die persönlichen Dinge wie Klamotten, Schlafsack und Liegeunterlage nichts weiter mit zu bringen hat. Man braucht sich dadurch kaum um etwas zu kümmern. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände einschließlich der Verpflegung werden zur Verfügung gestellt. Ich wäre mit der Planung und Logistik einer solchen Reise auch schlicht und einfach überfordert gewesen. Es soll ja schließlich alles klappen, damit mich mein „geliebtes Büro" nach dem Urlaub gesund und munter wieder bekommt. So oder so ähnlich müssen wohl auch meine Mitreisenden gedacht haben: Der Ingo aus München, Georg aus Luzern in der Schweiz sowie Bernd und Christiane, ein Pärchen aus Göttingen. Getroffen haben wir uns alle schon am Flughafen in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukons. Hier hat uns dann auch der sechste im Bunde unser Guide Joe in Empfang genommen und zu unserm Hotel gebracht, wo wir uns vom langen Flug und der Zeitverschiebung erholen können.

Ufer am SeeDirekt am Ufer des kleinen Sees errichten wir unser Camp für die erste Nacht. Ein idealer Ort, um sich mit der Handhabung der Boote vertraut zu machen. Dieses war meine größte Sorge. Doch ich bin nicht der Einzige in unserer Gruppe, der noch nie in einem Kanu gesessen hat. Auch Georg ist absoluter Neuling. Die anderen haben wenigstens schon mal zu Hause erste Versuche gemacht. Doch Joe hat uns vorher schon beruhigt. Das sei überhaupt kein Problem. Viele der Teilnehmer auf den Touren sind blutige Anfänger. Deshalb wird immer erst ausreichend geübt, bevor es dann los geht. Safety first! Schließlich ist das Wasser hier oben auch im Sommer eiskalt und ein ungewolltes Bad darin deshalb recht ungemütlich. Nach ersten wackeligen und unsicheren Minuten machen wir schnell Fortschritte und bald schon werden wir übermütig und können es kaum erwarten, unsere neu erlernte Technik auch im fließenden Wasser auszuprobieren. Doch das hat Zeit bis morgen. Jetzt wird die erste Mahlzeit - ein saftiges Steak - am Lagerfeuer eingenommen. Dafür muß natürlich erst trockenes Holz gesammelt werden. Diese Dinge spielen sich sehr schnell ein. Wir sitzen noch eine ganze Weile am Feuer zusammen und reden über das, was uns wohl in den nächsten Tagen erwarten wird. Dabei erfahren wir auch, daß der See auf dem wir heute gelandet sind jedes Jahr für nur gut zwei Monate eisfrei und damit „erreichbar" ist. Für uns hat diese extreme geographische Lage aber auch den Vorteil, daß sich  so gut wie keine Moskitos blicken lassen. Wieder eine Sorge weniger! Nach einem heißen Schluck Kaffee verkriechen wir uns schließlich in unseren Zelten. Ich schaue noch einmal über den See, wo jetzt plötzlich überall wie wild die Fische aus dem Wasser springen. Lake-Trouts wie ich später erfahre. Ich denke noch einmal an die elf Tage, die vor uns liegen. Auch an die großen Entfernungen dieses Landes. Man muß sich das nur einmal vorstellen. Wir befinden uns grob gesagt etwa 300 Kilometer nordöstlich von Dawson und unsere Reiserichtung heißt weiter in Richtung Norden. Die Einheimischen sagen dazu „right to the middle of nowhere". Mein großer Wunsch auf dieser Reise ist es, sämtlichen Alltags- und Zivilisationsstreß zu vergessen. Und einmal im völligen Einklang mit der Natur zu leben. Wo ginge das wohl besser als hier?

Doch meine kühnsten Hoffnungen werden während der nächsten Tage noch übertroffen. Was wir erleben sollten, läßt sich kaum in Worte fassen: Phantastische, absolut unberührte Natur, eine Vielzahl von Tieren, glasklares, türkis schimmerndes Wasser und bizarre, hoch alpine Berge, deren Wände und Ausläufer bis unmittelbar an den Fluß reichen. Eine wirklich unglaublich faszinierende und schöne Landschaft. Der Wind-River läßt sich als ein recht schnell fließender, leichter Wildwasserfluß charakterisieren. Er schlängelt sich dabei auf einer Länge von etwa 300 km durch die schroffen Knorr- und Wernecke Berge des Mackenzie Massivs im nördlichen Yukon, bevor er dann in den Peel-River mündet. Er ist einer der am wenigsten befahrenen Flüsse im Yukon. Eine Tour auf diesem Fluß ist ein echtes Abenteuer und eine wirkliche Entdeckungsfahrt. Der Fluß ist anfangs recht schmal und am ersten Tag wird sehr viel geleint und gewatet - langsam aber wird er tiefer, kaum aber breiter. Die Schnellen betragen etwa Wildwasser Klasse 2, wobei es niemals langweilige, träge Stellen gibt. Immer ist etwas los und unsere Spritzdecken, unter denen unsere komplette Ausrüstung in den Kanus verstaut ist, leisten gute Dienste.

Frühstück im CampWir haben wirklich großes Glück auf unserer Tour und auch die Möglichkeit Elche, Grizzlys, Karibus und Dallschafe aus unmittelbarer Nähe zu beobachten. Karibubullen kommen manchmal bis auf wenige Meter an unsere Zelte heran, die sie dann ungläubig beobachten. Eines Morgens gar läuft eine ganze Gruppe Karibus (Kühe und Kälber) durch unser Camp, während wir verblüfft am Feuer sitzen und den Kaffee schlürfen. Diese Tiere kennen keine Menschen, Jäger sind ihnen absolut fremd. Kein Einheimischer kommt in diese Gegend zur Jagd, dafür ist der Fluß auch viel zu schwierig erreichbar. Am Wind lebt eine fast unbekannte Population von Dallschafen, und als wir diese sonst so scheuen Tiere das erste Mal sehen, kommen sie vom Berg zu uns herunter gelaufen um nachzusehen, wer wir eigentlich waren - kaum zehn Meter vor uns bleiben sie ungläubig stehen. Im glasklaren Wasser sieht man überall arktische Äschen und mit Hilfe einer mitgebrachten Angelrute ist es selbst für uns ungeübte Petrijünger verblüffend einfach, ein paar davon fürs Abendbrot zu fangen. Während der Tagesetappen lassen wir es gemütlich angehen. Die Landschaft gleitet wie in einem Film an uns vorüber. Es gibt wohl keine schönere Fortbewegungsart, als sich die Natur mit einem Kanu zu erschließen. Das Wasser um uns herum ist ganz glatt. Darin spiegeln sich Sträucher, Hügel, Berge und der Himmel perfekt. Zwischen Bild und Spiegelbild ist eine Grenze nicht mehr wahr zu nehmen. Leise gleiten wir in diesem fließenden Übergang der ineinandergreifenden Elemente weiter vorwärts. Manchmal kommt es mir vor, als bewegen wir uns gar nicht mehr auf dem Fluß, sondern schweben in einem Zustand der Schwerelosigkeit. Die insgesamt großzügige Zeiteinteilung erlaubt es uns immer wieder, an besonders schönen Stellen für einige Zeit  zu verweilen. Dreimal bleiben wir in unserem Camp auch für jeweils zwei Nächte und erkunden die Umgebung und umliegenden Berge auf kleineren Wanderungen. Wir beobachten einen Weißkopfadler, wie er seine Jungen füttert. Erleben das Durchqueren des Flusses einer großen Karibu-Herde. Sehen mit etwas Gänsehaut, wie ein Rudel Wölfe in Steinwurfweite an uns vorüber streift. Und dann in der vorletzten Nacht in der Wildnis, weckt uns die Christiane (was hat die wohl draußen zu suchen?) und wir werden Zeuge von einem Schauspiel, von dem ich vorher schon soviel gelesen und gehört habe: Dem Nordlicht! Grünfarbene Lichter flackern am ansonsten nur sternenbedeckten Himmel. Wie lebendige Orgelpfeifen zucken diese Lichtgebilde, zerfallen in einzelne Strahlen, glühen gelblich auf und fügen sich zu einem Fächer aus Licht zusammen. Nach einer Weile intensiven Leuchtens versiegt dann diese geheimnisvolle Quelle und verblaßt zusehens. Es wird wieder dunkler und dann treten die Sterne wieder deutlicher hervor. Wir mußten uns gegenseitig zwicken um uns zu vergewissern, daß wir nicht geträumt haben. Es bleibt die einzige Nacht, in der wir dieses sonderbare Schauspiel erleben dürfen. Etwas wehmütig geht es in der Gruppe zu auf unserer letzten Flußetappe. Man hat das Gefühl, es könnte ewig so weiter gehen. Wir ziehen die Paddel ein, verschmelzen förmlich mit der harmonischen Vielfalt, die uns umgibt. Längst sind wir keine Fremdkörper mehr, sondern Teil der sich bewegenden Natur. Der Wind mündet schließlich, sobald er die Berge verlassen hat in den Peel River. Zwar ist es möglich, die Zivilisation über den Peel in Fort McPherson am Dempster Highway zu erreichen, doch stehen dem Kanuten dann etwa acht vergleichsweise langweilige Paddeltage bevor. Wir werden aber wie verabredet pünktlich von Earnie mit dem Wasserflugzeug wieder abgeholt und nach einem erneut atemberaubenden zweistündigen Flug sicher zurück nach Mayo in die Zivilisation gebracht.

Nach unserer Rückkehr in Whitehorse verabreden wir uns dann noch einmal alle zu einem letzten gemeinsamen Abendessen. Hier heißt es dann auch Abschied nehmen von unserem „Guide" und auch von Georg. Dieser Glückliche darf sich jetzt noch auf eine Verlängerungswoche auf einer Wildnis-Fly-in-Fishing-Lodge freuen. Wir anderen dagegen haben für den nächsten Tag leider schon wieder den Rückflug nach Deutschland anzutreten. Doch dieser Abend wird noch einmal ein schöner Abschluß. Die ganze Gruppe schwelgt in den frischen Erinnerungen und nicht nur ich bin ganz beseelt von den schönen Erlebnissen. Nach dem herzhaften Essen auf der offenen Veranda unseres Hotels und dem Verzehr einiger lecker gezapfter Biere gesteht dann auch der Ingo - mit einer Träne im Auge - ein, er habe das Gefühl, in den vergangenen zwei Wochen im Paradies gewesen zu sein. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Der Abend - wie die ganze Reise - verrinnt leider viel zu schnell. Das ich bei nächster Gelegenheit wieder kommen werde, um dann zusammen mit einer neuen abenteuerhungrigen Gruppe diese grandiose Wildnis wieder erleben möchte, habe ich für mich schon längst beschlossen. Auf dem Weg ins Hotelzimmer komme ich im Treppenhaus vorbei an einem Werbeplakat mit der großen Überschrift „Don`t just dream it - do it". Einen Moment bleibe ich stehen und muß schmunzeln. Manchmal haben diese Werbefritzen doch recht!

Von Stephan Hoffmann